Montag, 7. März 2016
Umzug in den Rattenhimmel
Max wird nie mehr irdische Schlafplatzfragen mit mir klären. Ich wünsche ihm, dass er fortan in einer kuschelweichen Hängematte schwebt.
Donnerstag, 3. März 2016
Klärung der Schlafplatzfrage
Da Max es sich, als ich seinen Käfig putze, in meinem Bett gemütlich macht, weise ich ihn nicht unsarkastisch darauf hin, dass ich indes keinesfalls beabsichtige, mich an seiner statt in den Käfig zu hocken. „Sollst du auch nicht“, erwidert er gnädig, „ich warte nur, bis der Käfig sauber ist, dann bekommst du das Bett zurück.“ Sogleich fügt er noch hinzu: „Schiebe bitte meine Schlafkiste näher an die Trinkflasche und sei mit dem Stoff zum Auspolstern weniger sparsam.“ „Sonst noch Wünsche?“, frage ich leicht gereizt. „Nö“, antwortet er bescheiden.
Mittwoch, 2. März 2016
Verbeulte Veganer
„Na“, frage ich, als ich nach Hause komme und meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle, „willst du wissen, welche offene Tür heute jemand bei mir einrennen wollte?“ Max erwidert erst einmal nichts, dann räuspert er sich und verkündet anschließend im Brustton der Überzeugung: „Mit dem Wollen ist das so eine Sache, tatsächlich eingerannt wurde keine.“ Die Sicherheit, die seine Antwort ausstrahlt, irritiert mich, was er bemerkt und daher erklärt: „Die Wohnungstür war während deiner häuslichen Abwesenheit durchgehend verschlossen, Bad-, Küchen- und Zimmertür standen zwar wie gewohnt offen, aber niemand wollte sie einrennen. Schließlich war ich allein hier und habe den Käfig nicht verlassen, obwohl auch die Käfigtür offen stand, aber das tut nichts zur Sache, denn die ist wohl eher meine als deine. Da du keine Tür - weder geöffnet noch verschlossen - mitgenommen hast, als du vorhin gegangen bist, kann dir unterwegs keine eingerannt worden sein.“ Gerade will ich zu einem Kurzvortrag über Redewendungen ansetzen, als ich bemerke, dass es Max nicht gelingt, ein Grinsen zu unterdrücken, grinse nun meinerseits und erspare uns die Belehrung. Wir schweigen, bis Max sich erkundigt: „Wer wollte dich denn nun wozu überreden?“ „Ach so, ja“, sage ich, „das war die ursprüngliche Frage. Also... als ich einer Klientin, eigentlich jugendlich und fast erwachsen, aber uneigentlich noch Kind, ein Lied vorgespielt habe, in dem beschrieben wird, wie ein schlüpfendes Küken von innen gegen die Schale vom Ei pickt, äußerte eine Kollegin, dass durch Lieder wie dieses doch eigentlich jedem klar werden müsse, was Menschen zu sich nehmen, wenn sie Eier essen, nämlich tote Embryonen.
Ich begriff natürlich sofort, dass sie Veganerin ist, und outete mich als Vegetarierin, die zwar keine Eier isst, weil der Gedanke an den Verzehr ungeborener Hühner oder Hähne in ihr dasselbe Kopfkino auslöst wie der an geschlachtete Tiere - egal welche - nach Geburt und Mästung, gestand aber, Milchprodukte zu mir zu nehmen, wenngleich ich selbstverständlich wisse, wie schlimm Milchkühe gehalten werden...“ „Und dann“, unterbricht mich Max wenig verständnisvoll bzw. genervt, „hat sie angefangen, dich überzeugen zu wollen.“ „Nein“, widerspreche ich, „hat sie nicht, mich lediglich unmissionarisch auf Pflanzenmilch hingewiesen.“ „Gut“, atmet er erleichtert auf, „das war kein Einrennen, sondern vorsichtiges Stupsen.“ Allerdings bettelt und bittet er nach einer Weile: „Ich möchte, dass du diese Tür zum veganen Leben vorsichtshalber wieder schließt und geschlossen lässt, egal wie viele Tierschützer sie gerne geöffnet wüssten, um sie leichter einrennen zu können.“ „Sollen sie sich doch ihre Köpfe stoßen!“, schimpft er. „Müssen sie eben Beulen haben! Ich bin schließlich auch ein Tier und ich will Käse! Nicht Tofu!“ „Du“, erinnere ich ihn, „Ratten sind Körnerfresser.“ „Das gilt nur für wilde Ratten!“, empört er sich, bis ich ihm Salat serviere - vegan.
Samstag, 20. Februar 2016
Morgenritual
O-Ton Max, grummelnd, aber dennoch wohlgesonnen und relativ guter Dinge: "Mit 2 Jahren und 2 Monaten ist man wahrhaftig nicht mehr der Jüngste, hat bereits Atembeschwerden, Hinterhandlähmung und irgendetwas fließt aus dem Ohr, was dort nicht hingehört, aber man ist und isst, und lässt sich das allmorgendliche Ritual, die Reste aus Frauchens Joghurtbecher zu schlabbern, nicht nehmen."
| Max isst, also ist er. Er ist, also isst Max. |
Montag, 1. Februar 2016
Prokrastinationssüppchen zur Genesung
Da ich nach meinem dreitägigen
Wohnungs-, ja größtenteils Bettarrest, den mir hohes Fieber
auferlegt hatte, wenngleich noch immer hustend heute wieder ein
Mensch bin, der sein Bedürfnis nach Nahrung spürt, schlurfe ich am
Käfig vorbei zur Küche, um nach Essbarem Ausschau zu halten. Max
fiept. Ich hebe ihn also aus dem Käfig und er begleitet mich. „Sieht
nicht gut aus“, konstatiert er, sobald wir die Küche erreicht
haben. „Sieht nach
Das-Vertrocknete-oder-Verschimmelte-in-den-Müll-Werfen und
Einkaufen-Gehen aus“, präzisiere ich. „Du willst einkaufen
gehen?!“, ruft er entsetzt. „Mit dem WOLLEN ist das so eine
Sache“, seufze ich, „ich WILL essen, einkaufen MUSS ich.“ Max
weist mich mit einem Vorderpfötchenzeig zum Fenster darauf hin, dass
es davor regnet. Ich schaue nach draußen, fluche leise, setze mich auf
den Stuhl, stehe wieder auf, koche mir einen Kaffee, trinke zur
Stärkung die doppelte der empfohlenen Tagesdosis Acerolasaft und
fluche erneut. „Na ja“, versucht Max mich zu trösten, „vielleicht
geht es auch ohne Einkauf.“ „Ich habe Hunger“, entgegne ich
protestierend. „Ich auch“, gesteht er und krabbelt schmunzelnd
neben dem Herd zwischen das nicht mehr ganz frische Gemüse. „Einiges
davon kann man doch noch essen“, verkündet er, nachdem er zu
knuspern begonnen hat. „Du, mit vollem Mund spricht man nicht“,
ermahne ich ihn, „und mit vollem Mäulchen bzw. Schnäuzchen auch
nicht, bitte sehr!“ Während er irgendetwas Unverständliches vor
sich hin grummelt, hebe ich ihn nebst einem Möhrenstückchen nach
unten auf den Fußboden und suche oben selbst weiter nach
Verwertbarem. Aus der Zucchini schneide ich einige Stellen heraus,
die noch genießbar zu sein scheinen, drei der Tomaten sind nicht
schimmlig, alle Kartoffeln (zwei!) und ¼ der Möhren noch essbar und
mehr Zwiebeln in Ordnung, als ich für die heutige Mahlzeit verwenden
möchte. Zufrieden türme ich Zutaten auf dem Tisch auf und beginne zu
schnippeln. „Kochst du daraus jetzt ein feines Süppchen?“, fragt
Max. „Ja“, antworte ich, „Genesungssüppchen.“ Er legt seine
Stirn zunächst nachdenklich in Falten, dann zunehmend provozierend.
„Gehenehesuhungssühüppchehen“, wiederholt er das Wort gedehnt
und geht dann ohne weitere Warnung sofort zum Frontalangriff über:
„Wolltest du nicht eigentlich längst deine Steuererklärung
geschrieben haben?“ Sehr froh, nicht einkaufen gehen zu müssen,
vor allem, weil es regnet, bin ich nicht gewillt, mich stattdessen
von meinem Haustier ärgern zu lassen, nicke nur kurz bestätigend
und zähle dann mit aller verfügbaren Ruhe und Gelassenheit
Argumente auf, die für mein Tun sprechen: „Erstens würden
Einkaufen und anschließendes Kochen zusammen viel länger dauern als
Kochen ohne vorheriges Einkaufen, zweitens müssen Lebewesen sich
ernähren, um am Leben zu bleiben, und drittens ist der Aufschub der
Steuererklärung meiner noch nicht ganz abgeklungenen Krankheit
anzulasten.“ „Pah!“, winkt Max ab. „Letzteres glaubt dir kein
Mensch.“ „Oh, doch“, behaupte ich, „der eine oder andere
schon." Dann wiegele ich ab: "Aber zum Glück bist du ja kein Mensch, sondern eine Ratte.“
Darauf reagiert Max mit einer seiner allerseltensten Reaktionen: Er
schweigt. Weil er gekränkt ist oder fühlt er sich geschmeichelt? Sein Gesichtsausdruck erteilt keine Auskunft. Ich brate die Zwiebeln in etwas Öl an und anschließend
hilft er mir still, das zerschnippelte Gemüse hinzuzufügen. Ich
fülle mit Wasser auf, er findet sogar noch einen Brühwürfel. Alles
gut! Was für ein Genesungssüppchen! Kochen kann es ohne unser
Zutun. Wir warten, sitzen uns dabei gegenüber und schauen uns an.
„Duhu“, sage ich nach einer Weile stummer Warterei, „wenn du
gerne möchtest, darfst du unser Süppchen Prokrastinationssüppchen
nennen. Finde ich okay.“ Max lacht und jubelt: „Welch tolles Wort
für eine tolle Mahlzeit!“ Bald schon steht sie duftend auf dem
Tisch, Max und ich gesellen uns zu ihr und alles andere duldet Aufschub.
Montag, 7. Dezember 2015
Einer ist irgendwie zwei zu wenig
„So“, sage ich zu Max, als ich ihn, und nur ihn, von seiner Pflegefamilie, zu der er mit Moritz gereist war, abgeholt habe und aus der Transportbox krabbeln lasse, „wir sind wieder zu Hause.“ „Hm“, grummelt er und schleicht in den Käfig, schnuppert in alle Nester und Schlupfwinkel hinein, aber Moritz bleibt weg. „Moritz ist nicht hierher gegangen“, erkläre ich überflüssigerweise. „Hm“, grummelt er erneut und fragt dann vorwurfsvoll: „Wo warst du eigentlich?“ „In einem Urlaubshäuschen im Wald“, antworte ich, „jenseits von Hektik, Lärm und Gestank.“ „Soso“, erwidert er. „Ja“, gestehe ich. Dann schweigen wir vorübergehend, bis ich ihm Fotos zeige. „Am Dachsweg warst du?!“, ruft er erschrocken. „So ist es“, bestätige ich. „Ironischerweise hieß der nächstgelegene Weg genau wie dein erstgestorbener Bruder.“ „Wenn Moritz ihm auf diesem Weg gefolgt ist…“, sinniert Max zögerlich, „ist es schön dort, wo sie jetzt sind.“ Ich nicke.
Sonntag, 29. November 2015
Die Steigerung von still
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