"Na, ihr vier", erkundige ich mich, als ich nach Hause komme, meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle und ihren Käfig öffne, "wollt ihr von der neuesten Fehlkommunikation wissen?" "Logisch", antworten sie wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen und spitzen die Öhrchen. "Also gut", beginne ich, hole tief Luft und erzähle dann: "Sechs Kinokarten hatte ich reservieren lassen, weil ich zusammen mit dem Aufschreiber und Maja, deren Nachbarin und ihrer Freundin sowie meiner allerliebsten einzigen Lieblingstochter im selben Kino zur selben Zeit denselben Film sehen wollte. Sicher ist sicher, man will nicht anreisen und dann erfahren, dass die Karten ausverkauft sind. Es ist nämlich ein kleines Kino. Die Freundin der Nachbarin hatte kurzfristig abgesagt, also sprach ich 1/2 Stunde vor Filmbeginn zur Frau an der Kasse, dass ich von den sechs reservierten Karten bitte fünf kaufen möchte. >>Frau Müller muss weg?<<, hörte ich und erwiderte: >>Wieso Frau Müller? Und ist es nicht völlig egal, wie die Frau heißt, die abgesagt hat?<< Die Kassiererin sah mich mit einer Mischung aus Gereiztheit und Geringschätzung an und schwieg, bis ich erlösend das Frau-Müller-muss-weg-Filmplakat an der Wand erblickte. Ah, so heißt ein Film, der zur selben Zeit gezeigt wird, wie der, den ich mit meinen Freunden sehen will, wurde mir augenblicklich klar und mit >>Wir sind jung, wir sind stark<< verriet ich den Titel des Films, für den sie mir bitte fünf statt sechs Karten geben sollte, was sie spöttisch grinsend tat." Dachs und Max halten sich daraufhin schallend lachend ihre Bäuche, Rabatz schüttelt kurz belustigt seinen Kopf und ermahnt dann seine übermütigen Söhne zur Ruhe, Moritz indes springt mir auf die Schulter, streichelt mich und wispert in mein Ohr: "Mach dir nichts daraus. Die Kinofrau ist doof."
Irgendwann später, als ich vorm Computer sitze und in Gedanken schon völlig woanders bin, springt Dachs vor mich auf den Schreibtisch und sagt unvermittelt: "Wenn Ratz noch lebte, würde er anmerken, dass deine Reaktion ausbaufähig gewesen wäre." "Welche Reaktion?", will ich wissen. Ich brauche einen Moment, bis ich weiß, wovon er redet. "Na die auf die Frage der Kartenverkäuferin im Kino, ob Frau Müller weg muss", erklärt er mir. Mir fällt es noch immer schwer, ihm zu folgen, weil ich nun in Gedanken bei Ratz bin. Aber Dachs lässt mich nicht in Ruhe gedanklich abdriften. "Dein Hinweis, dass es egal sei, wie die Frau heißt, die abgesagt hat, war ja recht originell", billigt er mir zu, "aber du hättest hinzufügen sollen, dass du Hartz heißt und eigentlich Hartz weg müsse." Ich grinse, gebe dann aber zu denken, dass ich den Film, in dem es nicht um die abzuschaffende Frau Müller geht, sehen wollte, statt weg zu müssen, Hartz IV indes weg müsse. "Jaaa", gesteht Dachs zögerlich, "diese Differenzierung hättest du sinnvollerweise in einem weiteren Sätzchen auch noch untergebracht."
Donnerstag, 29. Januar 2015
Dienstag, 20. Januar 2015
Dachs, Max und die Pommes frites
O-Ton Max: "Pommes stibitzen? Ich?
Niemals!"
Unschuldsmiene aufzusetzen vermag er derart perfekt, dass man fast geneigt wäre, seiner Beteuerung Glauben zu schenken, bewiese nicht ein Foto - entstanden knapp eine Minute vorher - das Gegenteil:
Außerdem bezeugt Dachs den Mund-*, d.h., eigentlich den Mäulchen- bzw. Schnäuzchenraub.
* Unter Mundraub sei hier entgegen dem Vorschlag am Wortort der Raub von mit dem Mund aufzunehmender Nahrung gemeint.
Montag, 19. Januar 2015
Max und der Tee
Max klettert am Käfiggitter auf und
ab.
Oh, die Tür ist offen!
Max springt aus dem Käfig auf den
Tisch.
Max landet vor einer Tasse mit Tee.
Der Tee duftet.
Max steckt sein Mäulchen bzw.
Schnäuzchen in den Tee. Au, heiß!
Max steckt seine Pfötchen in den Tee.
Au, noch immer heiß!
Frauchen nörgelt: "Du musst den
Tee abkühlen lassen, Max. Warte!"
Max wartet...
Allen, denen die Kleinkinderbücher von Barbro Lindgren über Max bekannt sind, sei versichert, die Parallele
ist beabsichtigt.
Sonntag, 18. Januar 2015
5 - 1 = 4
2 graue und 2 weiße Rattenböcke sind noch hier, also 1 grauer Vater und seine 3 Söhne, 2 weiße und 1 grauer. Ihr alter Kumpel Ratz ist gegangen. Für immer.
Lebte er noch, schimpfte Ratz jetzt fürchterlichst über die Werbung, auf der er liegt. Doch ihn regt nun nichts mehr auf. Nie mehr irgendetwas.
| Max am offenen Sarg von Ratz |
Lebte er noch, schimpfte Ratz jetzt fürchterlichst über die Werbung, auf der er liegt. Doch ihn regt nun nichts mehr auf. Nie mehr irgendetwas.
Mittwoch, 31. Dezember 2014
Weg mit dem Altenteil
Ratz will nicht ins Altenteil abgeschoben bleiben. Ganz und gar nicht. Er will das so überhaupt nicht, dass es geradezu gefährlich wäre, ihn länger in dieser ausrangierten Gemüsekiste wohnen zu lassen. Er zieht sich nämlich mit aller Kraft seiner Vorderbeine an der Seitenwand hoch, scheitert aber, da er seine gelähmten Hinterbeine nicht in diese Turnübung einbeziehen kann, an der Überwindung des Hindernisses und fällt unsanft zu Boden. Immer und immer wieder. Iterum iterumque (= immer wieder) war einmal eine meiner Lieblingslateinvokabeln. Wohlklingend. Aber nun iterum iterumque einen altersschwachen Rattenbock stürzen sehen? Das liebe ich nicht. "Ratz, dir gefällt es nicht im Altenteil", vermute ich. Er nickt. "Willst du wieder zu den anderen?", frage ich. Er nickt. "Du bekommst dein Altenteil im Erdgeschoss des Rattenkäfigs", schlage ich vor. Er nickt. "100% seniorengerecht und ruhig wird das aber nicht", gebe ich zu bedenken. Er nickt. Ich hänge daraufhin ins Erdgeschoss des Käfigs eine separate Trinkflasche für Ratz, richte ihm dort einen Futterplatz ein und schiebe Material für den Nestbau unter einen umgekippten Pappkarton. Er zieht zufrieden ein. Und siehe da...Das ist mit (ungefähr) 95% deutlich seniorengerechter als die Gemüsekiste, zwar nicht ruhig, aber er ist nicht so einsam und seine Kumpels übernehmen augenblicklich seine Fellpflege überall dort, wo er selbst nicht mehr heranreicht. Und dass er die Treppen zu den höheren Etagen meiden sollte, sieht er recht bald ein.
Dienstag, 30. Dezember 2014
Briefporto
"Was liest du?", ruft Dachs mir vom offenen Käfig aus zu, wartet allerdings meine Antwort nicht ab, sondern nutzt die 3 Meter Entfernung zwischen sich und mir als Anlauf, springt dann genau zwischen mich und den Laptop auf den Schreibtisch und informiert sich selbst. Still wird's. Dachs liest und liest, wird zunehmend nachdenklicher, als er den Artikel* zu Ende gelesen hat, dreht er sich zu mir um und fragt: "Weiß Ratz das schon?" "Genau diesen Artikel* kennt Ratz vermutlich nicht, aber ich nehme an, er weiß das", antworte ich und ermuntere ihn, Ratz im Altenteil doch einfach zu besuchen und sich mit ihm darüber zu unterhalten. (Mein Hintergedanke: Ratz soll nicht vereinsamen.) Dachs springt ins Altenteil unter die umgekippte Pappschachtel, wo Ratz hockt, und ich höre es von dort wispern. Satzfetzen wie "...Bundesrepublik kein souveräner Staat...keine handlungsfähige Regierung...Gesetze des Kaiserreiches noch gültig...also auch das Briefporto von vor 140 Jahren...3 bis 4 Cent pro Brief" dringen an meine Ohren. Dann robbt Ratz unter der Schachtel hervor und beginnt, empört zu predigen: "Also dass die BRD mit ihrer Gründung zwar rechtsfähig wurde, nicht jedoch die Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches angetreten hat, vielmehr - wenngleich auf kleinerem Territorium - lediglich von den westlichen Siegermächten besetzt war und auch nach der späteren Hinzufügung der DDR und dann dem Abzug aller Alliierten die Souveränität formal-juristisch nicht 100%ig korrekt hergestellt worden ist, stimmt wohl, aber sich deswegen auf Gesetze von 1875 zu berufen, sobald es persönlich materiell nutzt...Also ich halte das für verkehrt. Entweder nach allen Gesetzen bzw. Verordnungen von damals leben oder gar keinen...De facto existiert die BRD..." Er will sich so richtig in Rage reden, aber ich stoppe ihn, indem ich ihm ins Wort falle: "Du hast vollkommen recht, Ratz. Und irgendwie hoffe ich ja, dass das nicht funktioniert. Wir bekommen schließlich auch unser Brot nicht zu Preisen von anno dazumal und erfreulicherweise berechnet mein Arbeitgeber mein Gehalt nicht auf Basis reichsüblicher Löhne." Dachs nickt nachdenklich, hebt dann belehrend eines seiner Vorderpfötchen und merkt an: "Den damaligen Militarismus stelle ich mir unter unserer heutigen Verteidigungsministerin** lieber nicht vor." Erheiterung und Zustimmung seitens aller am Gespräch Beteiligten. Ich hole Ratz aus seiner zum Altenteil umfunktionierten Kiste und nehme ihn auf den Schoß, damit er den Artikel*, über den wir gerade sprechen, überhaupt erst einmal lesen kann. Er überfliegt ihn rasch. "Willst du ausprobieren, ob das funktioniert? Briefe einfach so adressieren, wie das im Kaiserreich üblich war, und nach damaliger Gebührenordnung frankieren?", erkundigt er sich. "Ja", sage ich, "Neujahrsgrüße werde ich in derart antiquiert beschrifteten Briefumschlägen, auf die ich jeweils 4-Cent-Marken klebe, verschicken. Wie muss man das doch gleich machen?" Während ich nachlese, murmele ich vor mich hin: "Die Postleitzahl in eckige Klammern, neben das Adressfeld auf englisch den Vermerk >>nicht innerstaatlich BRD<< und unter die Briefmarken das Versanddatum und meine Unterschrift. Man kann auch noch die damalige Provinz hinzufügen." Ratz schüttelt missbilligend den Kopf. "Für den Fall, dass die Briefe tatsächlich ankommen", warnt er mich, "musst du aber die Adressaten vorab informieren. Die fürchten sonst, du hast das politische Lager gewechselt und willst das Deutsche Kaiserreich zurück." "Mache ich", versichere ich. "Was machst du?", melden sich Rabatz, Max und Moritz aus der anderen Ecke des Zimmers, wo sie bis eben geschlafen haben. "Ach nö", stöhnt Ratz, "jetzt müssen wir das alles noch einmal von vorne erzählen!" Dachs indes legt ihm besänftigend eines seiner Vorderpfötchen auf den Kopf und verspricht: "Lass nur! Ich übernehme das." Er läuft zu seinen Brüdern und seinem Vater und erklärt schnell und verständlich, allerdings nicht ohne mimisch und gestisch seine persönliche Meinung einfließen zu lassen. Er runzelt nämlich abwechselnd die Stirn, schlägt sich mit den Pfötchen dagegen und verdreht die Augen. Seine Zuhörer lauschen schweigend. Erst als er endet, piepst Moritz: "Wie rechnet man eigentlich damalige Pfennige in heutige Euro-Cents um?" "Das geht wahrscheinlich eigentlich gar nicht", vermutet Max. Ich fühle zehn Rattenaugen von fünf Ratten auf mich gerichtet. Oje! Um die Beantwortung dieser Frage sehr weit ins nächste Jahr zu schieben, tue ich weiter nichts, als in die Küche zu gehen und geräuschvoll Käse auszuwickeln. Es dauert nicht lange und fünf Ratten wuseln mir um die Füße. Sie schauen mich nach wie vor unverwandt an, aber es geht um keinen Umrechnungsfaktor mehr.
* http://www.noz.de/lokales/meppen/artikel/477494/briefe-fur-vier-cent-in-meppen-zugestellt#gallery&0&0&477494
** Ursula von der Leyen
* http://www.noz.de/lokales/meppen/artikel/477494/briefe-fur-vier-cent-in-meppen-zugestellt#gallery&0&0&477494
** Ursula von der Leyen
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