Sonntag, 16. November 2014

Wider den Hunger

Erfreut, mit dem Putzen des Käfigs fertig zu sein, lasse ich mich in meinen Sessel fallen, um von dort aus mit einem Buch vor der Nase entspannt die Rückkehr der fünf Tiere abzuwarten, als ich es aus der Küche poltern höre. Ich lege das Buch aus der Hand, gehe nach nebenan und sehe Ratz, der mit einem Apfel im Mäulchen bzw. Schnäuzchen über den Boden schlurft. "Hey Ratz", rufe ich erstaunt aus, "du schaffst einen ganzen Apfel?!" Er lässt ihn vor Schreck fallen und wispert: "Tschuldigung." "Da gibt es nichts zu entschuldigen", erwidere ich. "Ich freue mich, wenn du dich gesund ernährst." Und besorgt schiebe ich die Frage hinterher: "Ist der Apfel nicht zu schwer?" "Fast", antwortet er, hebt das Obst wieder auf und setzt seinen Weg ächzend fort. "Also", sage ich, "wenn du mir versprichst, dass du die anderen vier auch mal abbeißen lässt, trage ich den Apfel und dich in den Käfig." Er nickt. Kaum habe ich ihn dann mit Apfel behutsam im Käfig abgesetzt, raschelt es unter meinem Bett. Ich schaue nach und sehe, wie Dachs, Max und Moritz eifrig bemüht sind, eine Tafel Schokolade auszupacken. Ich räuspere mich und sie erschrecken, weichen aber nicht von der Stelle, sondern gehen in Verteidigungsposition. "Also", spreche ich streng, "wenn ihr mir versprecht, dass ihr Ratz und Rabatz etwas abgebt, dann dürft ihr ein Drittel von der Tafel behalten und ich schimpfe nicht." Sie werfen sich gegenseitig zustimmende Blicke zu, nicken dann in meine Richtung und Max haut mit einem seiner Vorderpfötchen gegen die Schokolade, so dass sie über den Boden bis zu mir gleitet. Während die drei Schokoladendiebe zu Ratz und seinem Apfel in den Käfig springen und ich noch mit dem Dritteln der Schokolade beschäftigt bin, beginnt der hinter mir abgestellte Staubsauger zu wackeln und Rabatz kommt unter ihm zum Vorschein. "Ich habe eine Nuss gefunden", gesteht er. "Die ist aber zu klein, um sie mit den anderen zu teilen." "Sicher?", hake ich nach. Er nickt. Also scheuche ich ihn mitsamt seiner Nuss zu den anderen, gebe jedem Tier ein Fünftel des Schokoladendrittels, werfe noch vier Nüsse hinterher, auf dass es gerecht zugehe im Rattenkäfig, und bin sicher, für heute haben sie genug zu essen.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Ratte mit Küchenabfall

Ratz mit Rinde von Räucherkäse

O-Ton Ratz: "Dass Frauchen die Rinde vom Käse schneidet, bevor sie ihn isst, soll mir recht sein. Sehr tierlieb vor allem, dass sie die 'rumliegen lässt."

Urlaubsankündigung

"Na, ihr fünf", frage ich, als ich nach Hause komme, meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle und ihren Käfig öffne, "soll ich Euch mal was verraten?" "Na klar!", rufen sie kollektiv wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen. "Bald geht es auf Reisen", sage ich. "Auf Reisen?", vergewissert sich Moritz. Ich nicke. "Warum denn?", erkundigt sich Max. "Wohin denn?", will Dachs wissen. "Die Frage nach dem Warum ist schnell beantwortet", erkläre ich. "Erholung, Luft- und Ortsveränderung. Kommen wir zu dem Wohin: Ihr zu Dumbi, Pandi und Paula bei der lieben Maja und ich zu meinem allerliebsten einzigen Lieblingssohn in's Brandenburgische auf's Dorf." Rabatz zuckt erschrocken zusammen: "Häh? Wir verreisen nicht gemeinsam?" "Nein", antworte ich, "wo ich hinfahre, ist es zu kalt und zu gefährlich für Euch. Einen Rattenkäfig gibt es dort nicht. Ihr müsstet entweder 7 bis 8 Tage in der Transportbox hocken oder aber im Wald und auf der Wiese zwischen Hühnern, Enten, Schafen, Ziegen, Pferden, dem altersschwachen und tauben Hund sowie der neurotischen Katze, die knackende Geräusche in ihrer Kehle erzeugt, anstatt zu miauen, und dazu feindselig dreinblickt, herumlaufen. Nicht zu vergessen die wilden Tiere, z.B. der Fuchs! Womöglich würde er Euch etwas antun! Oder ihr würdet Euch verlaufen!" "Um Himmels Willen!", schreit Ratz und fügt sogleich mit leiser Stimme hinzu: "Ich möchte zu Maja in den Käfig. Abenteuer sind nichts mehr für mich." "Du willst uns loswerden?", bringt Rabatz sein Misstrauen zum Ausdruck, wird dann jedoch sentimental, indem er schnieft: "Aber zu meiner lieben Frau und meiner einzigen Tochter möchte ich natürlich." Moritz seufzt voller Sehnsucht: "Ich will zu Mama." Max jammert: "Ich auch. Und zu Pandi, unserer Schwester." "Ich auch", pflichtet Dachs seinen beiden Brüdern bei. Der Käfig bebt vor Aufregung. Ratz kommt zu mir und grummelt leise, aber doch hörbar: "Soso, von der Stadt in's Dorf reist Du also und zu Tieren, von denen ein nicht geringer Prozentteil alt und krank bzw. behindert und verrückt ist. Luft- und Ortsveränderung, schön und gut, aber was ist mit Erholung von der Arbeit? Milieuveränderung bietet Dein Urlaubsort Dir nicht." "Stimmt", gebe ich ihm recht. "Kann er auch nicht. Orte ohne Alte, Kranke, Behinderte und Verrückte gibt es nämlich nicht, bestenfalls solche, an denen die sich versteckt halten." Ratz schlurft bedächtig bis an die Tischkante, landet nach einem gewagten Sprung auf meinem Bett und verschwindet augenblicklich unter der Decke. "Warum versteckst Du Dich?", necke ich ihn. "Damit niemand Deine Hinterhandlähmung bemerkt?" "Nein", widerspricht er, "es darf jeder wissen, dass ich alt und gebrechlich bin, aber in Deinem Bett ist es kuschlig und warm."

Sonntag, 14. September 2014

Wohlstand

Nach etlichem Suchen
fand ich diese sehr, sehr satte
hellgraue Ratte
neben dem Quark vor Körnern und Kuchen.
Moritz

Montag, 8. September 2014

Frau Holz Possling

Mit dem schönen Wetter gehe es nun zu Ende. Ab morgen sorgten Tiefausläufer von Norden und Süden für deutliche Abkühlung und Regenschauer, lediglich in der Mitte Deutschlands könne sich der Altweibersommer noch einen Tag halten, verkündet im Anschluss an die heute-Nachrichten die blonde Dame in - passend zur Dramatik - schwarzer Kleidung. Es folgen erst ein Schnitt und gleich darauf eine Männerstimme mit der Ansage: "Das Wetter wurde Ihnen präsentiert von Holz Possling". Ich grinse. Ein Blick in den geöffneten Rattenkäfig, in dem die fünf Tiere am Ausgang hocken und sich nicht so recht zu einem Spaziergang entschließen können, offenbart, dass zumindest die drei Jugendlichen im Unterschied zu mir eher verwundert als erheitert sind. "Wie heißt die Wetter-Sprecherin?", fragt Moritz. "Holz ist ein weiblicher Vorname?" Aus meinem Grinsen wird lautes Lachen, das die genervt gegrummelte Erläuterung vom altersweisen Ratz zwar übertönt, aber wir anderen verstehen ihn trotzdem; schließlich kennt man sich schon lange. (Die Worte Sponsoring und Werbung kommen in seiner Ausführung mehrfach vor.)

Sonntag, 31. August 2014

Wieder zu Hause

Als ich vom Wochenendausflug auf's so genannte Land, also auf's Dorf (Städte sind irgendwie auch Land), heimkehre, meinen mit Äpfeln, diversen Kräutern, Im-Zelt-Übernachtungsutensilien... gefüllten XXL-Rucksack auf den Tisch wuchte, die regenwiesen-wasserdurchtränkten Socken und Schuhe von den Füßen zerre - meine allerliebste einzige Lieblingstochter, die nach der Zugfahrt lieber barfuß nach Hause gelaufen ist, als dass sie sich die tropfende Fußbekleidung wieder angezogen hätte, kann es bezeugen - und einen Blick in den Käfig wage, um zu schauen, ob alle Tiere noch am Leben sind, tun sie genau dies und wirken recht entspannt. Ihrer angestauten Empörung über das gestrige Ausbleiben der Fütterung machen sie erst Luft, nachdem meine allerliebste einzige Lieblingstochter mit ihrem Anteil an Äpfeln und Kräutern längst zu sich in die Wohnung gegangen ist. Wahrscheinlich schimpfen sie nicht vor Zeugin, d.h., eigentlich schimpfen sie überhaupt nicht. Sie schauen mich, während ich den Käfig putze, traurig-vorwurfsvoll an und Moritz piepst missmutig: "Wo warst du letzte Nacht?" Ich wundere mich, dass er lediglich zu der Nacht etwas wissen will, aber antworte präzise die Fragestellung beachtend: "In einem mobilen Fahrrad- und Gerätehäuschen." Aus fünf Rattenaugenpaaren sind zehn ziemlich verblüffte Rattenaugenblicke auf mich gerichtet. Um mich vor der zu erwartenden Flut von Folgefragen zu schützen, werde ich präventiv tätig und erkläre: "Ich war auf dem Dorf bei meinem allerliebsten einzigen Lieblingssohn. Ich habe ihm einen kleinen transportablen Fahrrad- und Geräteschuppen, also eigentlich ein Schüppchen, mitgebracht, das einem Zelt vergleichbar ist und ähnlich unkompliziert auf- und abgebaut werden kann. In dem habe ich dann vor seiner Überlassung als Geräteschüppchen übernachtet." Die Verblüffung der Tiere geht in spürbare Skepsis über. "Ihr glaubt mir nicht?", erkundige ich mich. Fünf Ratten nicken zustimmend, bis ich ihnen das Beweisphoto zeige.

Mobiles Schüppchen. Der Vorteil, wenn man es als Zelt nutzt:
Man kann darin körpergrößenabhängig (evtl. geduckt) stehen.

"Und uns hast du vergessen", schmollt Ratz. "Nein", widerspreche ich, "habe ich nicht. Ich mache gerade bei euch sauber und anschließend bekommt ihr Apfel - unmanipuliert, regional, saisonal und extra für euch aus Wildau-Wentdorf hierher geschleppt." "Warum erst anschließend?", quängeln Max und Dachs wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen. "Weil ihr Grundsatz lautet: Immer zuerst das, was keinen Spaß macht, und dann die Belohnung", kommt Rabatz mir zuvor. Alsogleich helfen mir Max, Dachs und Moritz, indem sie durchnässtes, zernagtes Zeitungspapier eifrig aus dem Käfig wuscheln. Ratz und Rabatz indes wollen nicht im Wege liegen und ziehen sich ins UFO zurück.

Samstag, 9. August 2014

Kein Gram, weder mit noch ohne Gries

"Warum guckst denn du so griesgrämig?", fragt mich Ratz, als ich - soeben nach Hause gekommen - erst den Käfig und dann meinen Rucksack öffne, aus dem ich käuflich erworbenes Non-Food ziehe und begutachte. "Ich gucke nicht griesgrämig", sage ich. "Doch", behauptet er. "Nein", erwidere ich. "Doch", beharrt er auf seiner Sichtweise. "Nein", beteuere ich. "Na, wie guckst du denn wohl, wenn nicht griesgrämig?", provoziert er weiter. "Keine Ahnung", äußere ich gereizt. "Wie soll ich das wissen? Ich betrachte doch gerade dieses Hemd, das ich mir heute gekauft habe, und nicht mein Spiegelbild." "Du widersprichst dir", merkt er an. "Gerade eben hast du noch behauptet, nicht griesgrämig zu gucken, und nun sagst du, nicht wissen zu können, wie du guckst." "Du nervst", weise ich ihn zurecht. "Wenn du damit nicht sofort aufhörst, werde ich vermutlich griesgrämig und gucke dann auch entsprechend." "Du willst mir drohen?!", erbost er sich. "Ich will nicht, aber...", hebe ich an, komme jedoch nicht weiter, denn Dachs fällt mir ins Wort. "Man soll nie gegen den eigenen Willen handeln", klugscheißert er. Ich spüre in mir so etwas wie Gram, also Verärgerung aufkommen; ob Gries mit am Werke ist, weiß ich kaum. Allerdings unterdrücke ich das Gefühl und liebsäusele, so gut mir diese Verstellung gelingt: "Für den Fall, dass mein Gesichtsausdruck meiner momentanen geistigen Verfassung entspricht, gucke ich ungläubig." "Ungläubig?", mischt sich Moritz ins Gespräch. "Wie das? Du glaubst nicht an das Hemd, das du heute gekauft hast und gerade betrachtest?" "Hemden haben nichts mit Glaube zu tun", knurre ich und kann meine Verstellung nicht mehr gut aufrecht halten. Die Vergrämung, so es dieses Wort gibt, gewinnt die Oberhand. Rabatz rettet mich, indem er vom Thema ablenkt: "Mal etwas ganz anderes: Wieso kaufst du dir eigentlich immer Hemden und nie Blusen?" Damit spricht er eine meiner Schwächen an, wenngleich keine, die mir schlechtes Gewissen bereitet, denn ich schade damit niemandem. Dennoch rumort es kurz in meinem Inneren, bevor ich erkläre: "Modedesigner können Frauen mit meinem Klamotten-Geschmack irgendwie nicht leiden. Von Hemden für Männer gefällt mir das eine oder andere, von Blusen für Frauen keine." "Aber da du dir doch ein Hemd gekauft hast, ich nehme an, eines der wenigen, die dir gefallen, warum guckst du dann, während du es betrachtest, griesgrämig?", fährt Ratz daraufhin fort zu stänkern. Damit bringt er das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen. "Ich gucke nicht griesgrämig!", schreie ich. "Ach so, ja, ungläubig", korrigiert er sich und tut dabei so, als sei er lediglich zerstreut gewesen. "Atheistisch?", erkundigt sich Dachs. "Arrgh! Ihr macht mich alle wahnsinnig!", schimpfe ich nun, wobei mein Gram sich aber schon aufzulösen und in sein Gegenteil überzugehen beginnt, dennoch verfinstert sich möglicherweise für einen Moment mein Gesicht. "Sag ich doch! Griesgram. Du bist und guckst griesgrämig", tut Ratz erneut kund. "Nein!", widerspreche ich ihm lautstark. Moritz springt zu mir auf die Schulter, schiebt mir eines seiner Pfötchen über den Mund und bittet: "Reg dich doch nicht so auf, du Ungläubige! Was an diesem Hemd glaubst du denn nicht?" "Endlich kommen wir auf das eigentliche Thema zu sprechen", atme ich erleichtert auf und antworte: "Den Pflegehinweis." Fünf Ratten springen auf bzw. in das nämliche Hemd, suchen, finden und lesen den Hinweis.



"Ich finde den glaubwürdig", bekundet Max. "Das ist doch der übliche Spruch, der in Sachen eingenäht ist." "Das ist wahr", stimme ich zunächst zu, bringe dann jedoch Zweifel an: "Ich glaube indes nicht, dass es gelingt, an einem dunkel-hell-karierten Hemd wie diesem die dunklen Karos getrennt von den hellen zu waschen. Oder lassen sie sich lösen und nach dem separaten Waschen wieder anbringen?" "Wohl kaum", kichern fünf Ratten wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen und unsere aggressiv-provokant-gereizte Stimmung schlägt endlich in Heiterkeit um. Lachen macht hungrig. "Du hast außer diesem unwaschbaren Hemd nicht zufällig auch etwas zum Essen gekauft?" Ratz spricht diese Frage nicht aus, vielmehr ist sie ihm anzusehen, kurz bevor er plötzlich in meinem Rucksack verschwindet. "Für euch gibt's Birnen zum Abendbrot", verkünde ich und füge belehrend hinzu: "Obst vor dem Verzehr immer waschen." "Separat?", piepst Dachs. "Ja", lasse ich mich auf seine Ironie ein, "nicht mit dem Hemd zusammen." "Na, das ist ja ohnehin unwaschbar", grummelt es aus meinem Rucksack. Auch ein leises Schmatzen lässt sich von dort vernehmen.