Montag, 8. Juli 2019

Kein Auszug aus dem Hotel Miriam

„Na“, frage ich, als ich nach Hause komme, „wollt ihr vielleicht bei mir aus- und in ein eigenes Haus einziehen?“ Ich zeige den Tieren Bilder einer aus Mini-Lehmziegeln errichteten Burgruine, die ich unterwegs gesehen habe.











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„Nö“, nörgelt Gregor nach einem flüchtigen Blick darauf, „die Gänge sind zu eng.“
Die anderen schauen auch kurz hin.
„Nö“, meckert Hektor, „die Wände sind zu unvollständig.“
„Nö“, mäkelt Igor, „das Dach ist zu lückenhaft.“
„Nö“ und „nö“, sagen auch Hartmut und Helmut. Der eine bemängelt den Boden, der zu hart, der andere die Ausstattung, die zu spartanisch sei.
Mit „nö“ lehnt zuletzt auch Unmut meinen Vorschlag ab, die Notwendigkeit umzuziehen, sei nicht ersichtlich.
„Gut“, konstatiere ich erleichtert. „Das erspart uns Ausgaben in Höhe etlicher Tausender. Diese Burg ist nämlich kein Rattenhaus, sondern ein Kunstwerk.“
Sechs Ratten sehen mich einen Augenblick lang völlig entgeistert an, huschen dann ohne weitere Kommentare auf ihren Lieblingsplatz im Regal und kuscheln genüsslich schweigend.

Sonntag, 9. Dezember 2018

Drei Neue

Nachdem der Besuch gegangen war, saßen plötzlich eng aneinander gekuschelt die drei Neuen da, zunächst unbemerkt, dann aber gleich für Furore sorgend. „Dein Besuch hat etwas vergessen“, lamentiert Igor. „Die müssen hier weg“, verlangt Hektor. „Die haben hier nichts zu suchen“, behauptet Gregor. „Wovon redet ihr“, will ich wissen, aber dann sehe auch ich die drei uns untergejubelten Rattenjungs ängstlich und verschüchtert in der Ecke kauern. „Ja, wo kommt ihr denn her?“, erkundige ich mich. Keine Antwort. „Habt ihr Hunger?“ Zaghaftes Nicken. Sogleich lautes Schreien der drei anderen: „Wir auch!“ Ich hole Käse und Nüsse, teile in sechs gleich große Portionen, gebe jedem Tier eine und wende mich dann an die neuen Mitbewohner: „Wie heißt ihr denn?“ „Hartmut“, wispert der braune. „Helmut“, säuselt der weiße. „Unmut“, haucht kaum hörbar der graue. Ich kann ein Grinsen nicht unterdrücken und flüstere ihnen zu: „Also wenn ihr gegen die drei anderen hier ankommen wollt und auch, um euren Namen gerecht zu werden, müsst ihr stärker in die Offensive gehen.“ „Was ist das?“, fragen die drei wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen und schon etwas lauter. „Ihr werdet es herausfinden“, versichere ich ihnen.

Sonntag, 24. Juni 2018

Heiter geht’s weiter

"Wart ihr erfolgreich?", fragt Hinz, als ich nach Hause komme, den Rucksack abnehme und vorsichtiger als sonst am Boden abstelle. Er rüttelt etwas ungeduldig am Käfig, wohl weil ich nicht sofort reagiere, sondern erst noch Jacke und Schuhe ausziehe, aber das macht nichts. Der Reißverschluss des Rucksacks wird von innen aufgezogen, Gregor steckt grinsend seine gigantischen Vorderzähne nebst restlichem Kopf heraus, schiebt dann den übrigen Körper hinterher und hilft zwei zappeligen Rattenjungs raus. Das ist Antwort genug. Er streicht sich zufrieden die Schnurrhaare glatt und sagt: "Darf ich vorstellen? Mein Bruder in weiß heißt Igor, der mit grauem Fell Hektor." "Sehr angenehm", piepst Hinz höflich, "mein Name ist Hinz." Ich öffne den Käfig, wortlos beäugen und beschnuppern sie sich gegenseitig. Nach einer Weile unterbricht Hinz die Stille. "Wieso habt ihr eigentlich so altmodische Namen, die irgendwie nicht recht zueinander passen? Zwar haben sie im weitesten Sinne alle mit Wachen, Kämpfen und Kriegen zu tun, aber Igor stammt aus Skandinavien und ist heute in Russland verbreitet, Gregor und Hektor indes sind griechisch." Die beiden Kleinen hören vor Schreck auf, Hinz zu beschnuppern, und schauen ihn reglos an. Doch Gregor ist nicht aufs Mäulchen bzw. Schnäuzchen gefallen und kontert: "Was soll denn diese Frage?! Wieso müssen Namen zueinander passen?! Unsere Eltern wollten, dass wir brav sind und immer auf sie hören, dazu braucht's Ohren, also Greg-or, Hekt-or und Ig-or. Basta!" "Ähm", Hinz wirkt einen Moment lang etwas verlegen, "aber Ohren schreibt man doch mit h." "Oh, man ey!", stöhnt Gregor. "Unsere Eltern erzogen uns nicht schriftlich! Wir sind wilde Straßenratten! Wir haben es nicht so mit Bildung!" "Oje", seufzt Hinz leise, "das kann ja heiter werden." "Klar sind wir heiter!", rufen Igor und Hektor. Hinz lächelt versöhnlich.

Samstag, 23. Juni 2018

Fell Fadenschein – mehr Sein als Schein

"Guten Morgen", grüßt Gregor und stupst Hinz an. "Guten Morgen", erwidert Hinz. "Gut geschlafen?" "Fabelhaft", antwortet Gregor, reckt und streckt sich. "Und du?" "Naja, geht so", gähnt Hinz. "Klingt nicht sehr fröhlich", konstatiert Gregor und betrachtet seinen Artgenossen. "Was ist mit deinem Fell?", erkundigt er sich sogleich. "Fällt es aus?" "Ach", stöhnt Hinz, "sprich nicht davon. Das ist so, wenn man altert. Faden um Faden fallen die Haare aus, das Fell wird fadenscheinig." "Wem sagst du das?", fällt Gregor in das Gejammere ein, doch Hinz hält dagegen: "Deins sieht doch noch gut aus." "Auch ich bin nicht mehr der Jüngste", klagt Gregor. "Um die Jungen hätte ich mich kümmern müssen, doch habe ich sie verloren." Verzweifelt schlägt er die Vorderpfötchen über seinem Kopf zusammen. "Welche Jungen?", fragt Hinz erschrocken. "Na, meine Brüder, Hektor und Igor. Sie sind im täglichen Kampf ums Überleben spitzen Absätzen ausgewichen und waren plötzlich verschwunden." "Absätzen von Pumps und so? Du musst sie suchen, deine Brüder!", schreit Hinz aufgeregt. "Ja, aber wie? Wo?", schluchzt Gregor ratlos. "Aufmerksam und mit weit offenen Augen. So viel zum Wie", erklärt Hinz, der seine Fassung schnell wiedererlangt hat. "Am besten von Miriams Jackentasche aus und zwar genau dort, wo der Kampf der Damenschuhe gegen deine Brüder stattgefunden hat." "Du meinst, sie kehren zum Ort des Geschehens zurück?", schnieft Gregor. "Auf jeden Fall", versichert Hinz. Und mit den Worten "Wann gehen wir los?" wendet sich Gregor dann unvermittelt an mich. Ich blicke kurz zum Fenster auf und nach draußen, bevor ich verspreche: "Sobald es aufhört zu regnen."