Freitag, 22. Juni 2018

Gregor

"Na", frage ich Hinz, als ich nach Hause komme, meinen Rucksack fallen lasse und zu ihm in den Käfig schaue, "willst du wissen, wen ich unterwegs gefunden habe?" Keine erkennbare Reaktion seinerseits. Er bleibt in sich zusammengerollt und weitestgehend bewegungslos liegen, wie er liegt, hält die Augen geschlossen und wirkt irgendwie apathisch. Erst als ich den Käfig öffne und Käse reiche, regt er sich. "Du willst wirklich nichts über deinen Artgenossen erfahren, der mir zugelaufen ist?", erkundige ich mich. Hinz spitzt die Ohren. "Ein neuer Kumpel?", fiept er. "Naja", erwidere ich, "ob es ein Kumpel wird, bleibt abzuwarten", und ziehe Gregor aus meiner Jackentasche. "Iih!", kreischt Hinz entsetzt. "Was heißt hier iih?!", entfährt es mir. "Der sieht ja grauenvoll aus mit seinen Biberzähnen!", schreit er. Gregor indes, der gerade begonnen hatte, sich für Hinz zu interessieren, zuckt gekränkt zusammen. "Von wegen grauenvoll", grollt er und gesteht: "Grantig und griesgrämig – das ja. Was ein Leben als Grenzgänger in grässlichen Zeiten so aus einem macht." "Aber grauenvoll, weil meine Zähne etwas größer sind als üblich?!", schimpft er, "Grauenvoll nimmst Du zurück!" "Du bist ein Grenzgänger?" Hinz' Neugier ist geweckt. "Auf welcher Grenze gehst du?" "Ich bin eine Ratte", antwortet Gregor – noch immer beleidigt, "suche aber auch Nähe zu Menschen." "Oh", staunt Hinz, "das macht dich sympathisch! Gewissermaßen sind wir uns ähnlich." Er reicht ihm ein Pfötchen mit den Worten: "Ich heiße Hinz. Und entschuldige bitte, dass ich dich grauenvoll genannt habe!" "Schon gut", grummelt Gregor, greift nach dem Pfötchen des anderen und sagt: "Gregor." "Sei willkommen, grantiger Griesgram Gregor Grummelig!", spricht Hinz sehr würdevoll und teilt sogleich den Käse in drei Stückchen: eins für Gregor, eins für sich und eins für später.

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